Dokumentiert: Junge Welt Interview

»Die Generation Krise schlägt zurück«

Jugendbündnis fordert kostenlose Bildung für alle, Lehrstellen und Übernahme in den Betrieb. Ein Gespräch mit Michael Koschitzki
Von Ralf Wurzbacher


Michael Koschitzki ist einer von zwei Sprechern der Initiative »Jugend für Arbeit, Bildung, Ausbildung und Übernahme«

Die Börse boomt wieder, die Arbeitslosigkeit nimmt nur moderat zu. Ist die Wirtschaftskrise doch weniger schlimm als erwartet?
Der Eindruck täuscht. Ganz abgesehen davon, daß die öffentlich verhandelten Wachstumsperspektiven auf Lug und Trug aufbauen, hat der wirtschaftliche Niedergang schon heute eine Vielzahl von Menschen voll erwischt. Es sind vor allem auch die Jugendlichen, die die kapitalistische Krise ausbaden müssen. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund sind mittlerweile 1,1 Millionen von ihnen arbeitslos, die Menge der Ausbildungsverträge ist im vergangenen Jahr um zehn Prozent gesunken, und in vielen Firmen steht die Übernahme von Azubis auf dem Spiel. Nach einer neueren Studie wissen gegenwärtig zwei Drittel aller Lehrlinge noch nicht, ob sie übernommen werden. Man kann deshalb schon jetzt von der »Generation Krise« sprechen. Und das ist erst der Anfang. Massenentlassungen in großem Stil kommen auf uns zu.

Müssen die Jugendlichen dafür geradestehen, daß die Stammbelegschaften bislang noch glimpflich davongekommen sind?
Wir müssen gemeinsam kämpfen, Stammbelegschaften, Auszubildende und Leiharbeiter. Jugendliche und prekär Beschäftigte sind besonders wenig geschützt. Sie haben vielfach nur befristete Verträge, keinen echten Kündigungsschutz, und es mangelt an tariflichen Übernahmeregelungen. Jugendliche sind deshalb unter den ersten, die vor die Tür gesetzt werden.

Die Initiative »Jugend für Arbeit, Bildung, Ausbildung und Übernahme – die Generation Krise schlägt zurück« will sich gegen diese Zustände zur Wehr setzen. Wer ist mit im Boot?
Der Aufruf wurde von der DIDF-Jugend (Föderation Demokratischer Arbeitervereine, d. Red.), der Linksjugend [´solid] Neukölln-Nord und von Junge GEW in Berlin gestartet. Inzwischen gibt es aber mehr als 150 Einzelunterzeichner und Gruppen, die sich uns angeschlossen haben – darunter die ver.di-Jugend Stuttgart und die DGB-Jugend Thüringen. Viele unserer Mitstreiter waren schon in der Bildungsstreikbewegung aktiv oder zuletzt im Blockadebündnis gegen den Neonaziaufmarsch in Dresden.

Wollen Sie nur junge Leute erreichen?
Unter den Unterzeichnern gibt es auch eine Reihe von Funktionären aus den verschiedensten Gewerkschaftsgliederungen sowie aus der Partei Die Linke. Aber wir richten uns schon im speziellen an Auszubildende, junge Beschäftigte und Erwerbslose, Schülerinnen und Schüler sowie Studierende. Wir halten es für wichtig, bei den anstehenden Demonstrationen gegen die Auswirkungen der Krise am 12. Juni eigene Jugendblöcke auf die Beine zu stellen und noch mehr Jugendliche zum Widerstand zu bewegen.

Welche sind Ihre zentralen Forderungen?
Wir treten für einen gebührenfreien Studienplatz bzw. einen betrieblichen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz im gewünschten Beruf für jede und jeden ein. Wir verlangn kostenlose Bildung für alle – eine der Hauptforderungen des Bildungsstreiks. Unternehmen, die nicht ausbilden, müssen zur Finanzierung von 300000 betrieblichen Ausbildungsplätzen im öffentlichen Dienst herangezogen werden. Wir plädieren außerdem für eine Übernahmegarantie im erlernten Beruf und einen Mindestlohn von zehn Euro.

Stichwort Übernahmegarantie: Wurde hier beim jüngsten Tarif­abschluß im öffentlichen Dienst nicht viel zu wenig erreicht?
Genau. Eine Übernahme von Auszubildenden soll es auf Bundesebene nur nach Bedarf geben, und der soll von den Arbeitgebern festgelegt werden. Im Land Berlin wird zudem die Konkurrenz zwischen den Auszubildenden weiter verschärft, weil nur die mit den besten Noten übernommen werden sollen. Auszubildende und Beschäftigte im öffentlichen Dienst sollen für Bankenrettungspakete aufkommen.

Zeigt das Beispiel nicht, daß bei den Gewerkschaften die Belange von Jugendlichen noch viel zu kurz kommen?
Wir müssen alle gemeinsam, jung und alt, für unsere Interessen und Themen kämpfen – in der Öffentlichkeit und innerhalb der Gewerkschaften. Es wird Zeit, daß die Generation Krise zurückschlägt.

Infos im Internet: www.generationkrise.de

Tags: